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Digitale Nachsorge bei Depression als neues Versorgungsangebot für psychisch erkrankte Jugendliche und junge Erwachsene

Die Depression gehört zu den häufigsten psychischen Störungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter. Im Jahr 2018/2019 zeigten bereits 10,2% der Jugendlichen eine klinisch relevante depressive Symptomatik (Bujard et al., 2021). Doch inwiefern beeinflusst die globale Covid-19 Pandemie depressive Erkrankungen im Jugend- sowie im jungen Erwachsenenalter?

Aus den neusten Ergebnissen der COPSY-Studie (COPSY: Corona und Psyche) wird ein enormer Anstieg der Gesamtprävalenz von psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen durch die Covid-19 Pandemie sichbar (Ravens-Sieberer et al., 2021). Zwei Drittel der Jugendlichen (n=735) gaben an, während der Corona-Zeit psychisch stark belastet zu sein. Ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität (Health-Related Quality of Life) sank signifikant von 40,2% auf 15,3%. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen hatten vermehrt Schwierigkeiten beim schulischen Lernen (n=670; 64,4%). Im sozialen Bereich berichteten 82,8% von Beeinträchtigungen in ihren Freundschaften (n=862). In Bezug auf die Depression zeigen neuste Zahlen zudem, dass die Prävalenz im Frühjahr 2020 bereits auf 25,2% angestiegen ist. Somit wies gegen Ende des ersten Lockdowns in Deutschland jede vierte Person im Alter zwischen 16 und 19 Jahren klinisch relevante Symptome einer Depression auf (Bujard et al., 2021). Leider ist nicht anzunehmen, dass es sich hierbei um ein temporäres Phänomen handelt, da bei Patient:innen in dieser Altersgruppe die Depression häufig mit rezidivierenden sowie chronischen Verläufen über die Lebenspanne assoziiert ist (Greiner et al., 2019). Die globale Covid-19 Pandemie führt allerdings nicht nur zu einem Anstieg der Prävalenzzahlen, sondern hat auch einen negativen Effekt auf die Versorgungssituation psychischer Erkrankungen.

Der Mangel an therapeutischen Ressourcen

In unserem, durch die Covid-Pandemie geprägten Zeitgeist, schreitet glücklicherweise auch die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen voran. Dies wiederum bedingt eine häufigere Inanspruchnahme von Therapien für psychische Erkrankungen im Allgemeinen. Im Bereich der stationären Versorgung ist ein rapider Zuwachs an depressionsbedingten Krankenhausaufenthalten festzustellen. Bereits vor der Pandemie wurde in Deutschland von 2015 bis 2019 eine besorgniserregende Zunahme der Krankenhausaufenthalte aufgrund einer affektiven Störung um 24% verzeichnet. Somit gelangen zunehmend Patient:innen in psychiatrische und psychosomatische Kliniken und begeben sich in (teil-)stationäre Therapie.

Der Zuwachs an Klinikbehandlungen fällt in hohem Maße auf Rehospitalisierungen zurück. Jeder fünfte der oben genannten, depressionsbedingten Krankenhausaufenthalte entfällt auf ebensolche Rehospitalisierungen. Gespräche mit Expert:innen verdeutlichen, dass dies in relevantem Maße auf die unzureichende Nachsorgesituation und dadurch entstehende Versorgungslücken zurückgeführt werden kann. Es besteht also ein Mangel in der ambulanten Weiterbehandlung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach einer (teil-)stationären Behandlung.

Laut der Bundespsychotherapeutenkammer (2018) warten Jugendliche in Deutschland durchschnittlich in etwa 18 Wochen auf einen Termin für eine Richtlinienpsychotherapie. Die Wartezeit stieg während der Pandemie Ende 2020/Anfang 2021 auf in etwa 23 Wochen an (Thünker et al., 2021).

Diese allgemein sehr lange Wartezeit ist einerseits mit einer zu geringen Anzahl an niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen zu begründen. Zudem ist es Jugendlichen und jungen Erwachsenen erschwert, sich eigenständig ambulante Hilfe zu suchen, da es insbesondere bei Personen mit unzureichender Unterstützung aus dem familiären Umfeld eine große Herausforderung darstellt, sich im Dschungel der möglichen ambulanten Weiterbehandlungsmaßnahmen zurechtzufinden.

iCAN als Lösungsansatz

Vor dem Hintergrund der unzureichenden Nachsorgesituation hat mentalis das am 01. September 2021 gestartete Innovationsfondsprojekt iCAN (“Intelligente, Chatbot-assistierte ambulante Nachsorge der Depression bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“) mitinitiiert. Ziel dieses Projekts ist es, Jugendliche und junge Erwachsene im Anschluss an ihre (teil-)stationäre Depressionsbehandlung unmittelbar zu unterstützen und ihre erreichten Therapieerfolge – mittels eines digitalen Nachsorgeangebots bestehend aus Chatbot-gestützten App-Trainings sowie psychologischem Tele-Coaching – zu stabilisieren.

Das Potenzial dieser Lösung liegt in dem hohen Nutzungsgrad von Smartphones bei jungen Menschen. Im Jahr 2019 besaßen bereits 95% aller 12-15-Jährigen ein eigenes Smartphone (Statista, 2020). Smartphones sind für die meisten Jugendlichen ein wichtiger Teil des alltäglichen Lebens geworden. Außerdem führen digitale Interventionen zu einer reduzierten Nutzungsschwelle. Die therapeutischen Übungen können bequem von zuhause und unterwegs absolviert werden, es bedarf keiner externen Anleitung und in der Durchführung sind die Patient:innen zeitlich flexibel.

Zur Lösung der oben aufgeführten Versorgungsproblematik untersuchen mentalis, die Universität Greifswald sowie die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gemeinsam mit zahlreichen Kliniken, Krankenkassen, Verbänden und Ärztenetzwerken diese neue Versorgungsform zur digitalen Nachsorge von jungen Patient:innen mit Depression. Gefördert wird das Projekt mit ca. 3,5 Millionen Euro durch den Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) über eine Laufzeit von insgesamt drei Jahren. Das Projekt iCAN wird in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland implementiert. Somit ist das Projekt von nationaler Relevanz.

Die Ziele von iCAN:

  1. Stabilisierung des stationär erzielten Therapieerfolgs,
  2. zeitnahe und gezielte Anbindung an ein ambulantes Nachsorgeangebot,
  3. Reduktion der Rehospitalisierungsrate und
  4. Kosteneinsparungen durch Reduktion der direkten und indirekten Krankheitskosten.

Das Studiendesign

Mit iCAN wird eine neue Versorgungsform evaluiert. Im Rahmen dieser Versorgungsform knüpft die digitale Nachsorge nahtlos an die stationäre Behandlung der depressiven Symptomatik an. An der Studie teilnehmen können Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13-25 Jahren mit einer diagnostizierten depressiven Episode, einer Anpassungsstörung oder einer Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung. Es erfolgt noch auf Station vor der Entlassung eine 30-minütige Einführung sowie die Verschreibung von iCAN. Teilnehmende Patient:innen werden nach spezifischen Einschlusskriterien und der professionellen Einschätzung des Behandler:innenteams für die digitale Nachsorge ausgewählt. Diese nahtlose Einschreibung auf Station ist für den Therapieerfolg mitentscheidend. Die Patient:innen werden noch vor ihrer Krankenhausentlassung durch das ihnen vertraute Behandler:innenteam in das Programm angebunden. So werden sie nach Abschluss des (teil-)stationären Aufenthalts nahtlos durch die Therapie-App und die begleitenden Coachinggespräche darin unterstützt, ihren in der Klinik erarbeiteten Therapieerfolg aufrechtzuerhalten. Durch die Empfehlung zur Nutzung aus der Klinik heraus, kann die Akzeptanz der Patient:innen gegenüber der digitalen Nachsorge steigen, was sich positiv auf die Adhärenz und damit die Wirksamkeit der Programme auswirken kann. Die Patient:innen verlassen die Klinik mit der „App in der Hosentasche“ und einem vereinbarten Termin für das erste Tele-Coaching. iCAN kann somit zur Verringerung der häufig kurz vor dem Entlassungstermin auftretenden „Entlasspanik“ seitens der Patient:innen beitragen.

Die Smartphone-basierte Intervention beinhaltet die folgenden drei Komponenten, um Rückfälle zu vermindern, Erfolge aufrecht zu erhalten und die Anbindung an Anschlussmaßnahmen zu fördern:

  1. Kompetenztrainings
    Die Stabilisierung der Therapieerfolge erfolgt anhand eines auf die Patient:innen individuell zugeschnittenen Therapieplans. Dieser beinhaltet automatisierte Komponenten auf der Basis evidenz-basierter Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie, einen gamifizierten Chatbot zur empathischen Adhärenz- und Motivationssteigerung sowie Übungen aus dem neurokognitiven Training.
  2. Anbindung an ambulante Nachsorgeangebote
    Die für die besondere Situation der post-stationären Nachsorge geschulten und zertifizierten Psycholog:innen von mentalis unterstützen die Patient:innen als Tele-Coaches vom Zeitpunkt der Auswahl des bedarfsspezifischen Angebotes bis hin zum Aufsuchen und der Nutzung des ambulanten Weiterbehandlungsangebots.
  3. Patient Reported Outcomes (PROs)
    Mit Hilfe kurzer, benutzerfreundlicher Abfragen monitoriert die iCAN-App wöchentlich den Symptomverlauf (via Patient Health Questionnaire; Löwe et al., 2002) und die Inanspruchnahme von gesundheitlichen Versorgungsleistungen (via Treatment inventory of Costs in Patients with psychiatric disorders; Bouwmans et al., 2013). Die PROs dienen neben den Ergebnissen aus der Bearbeitung der Therapiemodule als Indikator für Anpassungen der Inhalte des Tele-Coachings. Im Falle von Symptomverschlechterungen und Suizidalität werden lege artis-Interventionen nach einem zuvor festgelegten Protokoll eingeleitet.

Das Potenzial des Projekts

Im Erfolgsfall kann iCAN in der Regelversorgung flächendeckend eingesetzt werden, um durch die systematische Unterstützung des Übergangs von einer (teil-)stationären Depressionsbehandlung in die ambulante Nachsorge Rehospitalisierungsraten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu reduzieren sowie (in)direkte Kosten einzusparen. Für die Verbesserung der Versorgungssituation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist iCAN ein Forschungsvorhaben mit einem enormen Potenzial. Gerade zu Zeiten einer globalen Pandemie braucht diese Zielgruppe mehr Unterstützung denn je.

 

Dieser Blogartikel wurde verfasst von unserem Redaktionsteam
Renate Übe & Sophia Möhrle

 

Literatur

Baumann, M., Berghäuser, A., Bolz, T., & Martens, T. (2021). Den Fokus neu denken – Skizze eines Pandemiemanagements auf Grundlage der Bedürfnisse und Lern- und Entwicklungserfordernissen von Kindern, Jugendlichen und Familien. Socialnet Discussion Paper.

Bouwmans, C., De Jong, K., Timman, R., Zijlstra-Vlasveld, M., Van der Feltz-Cornelis, C., Tan Swan, S., & Hakkaart-van Roijen, L. (2013). Treatment Inventory of Costs in Patients with psychiatric disorders. https://eprovide.mapi-trust.org/instruments/treatment-inventory-of-costs-in-patients-with-psychiatric-disorders.

Brakemeier, E.L., Wirkner, J., Knaevelsrud, C., Wurm, S., Christiansen, H., Lueken, U., & Schneider, S. (2020). Die COVID-19-Pandemie als Herausforderung für die psychische Gesundheit. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie.

Bujard, M., von der Driesch, E., Ruckdeschel, K., Laß, I.N.G.A., Thönnissen, C., Schumann, A., & Schneider, N.F. (2021). Belastungen von Kindern, Jugendlichen und Eltern in der Corona-Pandemie. BiB. Bevölkerungsstudien 2.

Fegert, J.M., Kölch, M., & Krüger, U. (2014). Sachbericht zum Projekt: Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher in Deutschland – Bestandsaufnahme und Bedarfsanalyse.

Ravens-Sieberer, U., Kaman, A., Otto, C., Adedeji, A., Napp, A. K., Becker, M., … & Hurrelmann, K. (2021). Seelische Gesundheit und psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der ersten Welle der COVID-19-Pandemie–Ergebnisse der COPSY-Studie. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 1-10.

Statistisches Bundesamt (2017, 04. April). Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an Depressionen. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/depression-kinder-jugendliche-imfokus.html.

Statista (2019, 21. September). Kinder und Jugendreport 2019: Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. https://de.statista.com/infografik/20041/psychische-erkrankungen-bei-kindern-jugendlichen/.

Statista (2020, 07. April). Smartphone-Besitz bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland im Jahr 2019 nach Altersgruppe. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1106/umfrage/handybesitz-bei-jugendlichen-nach-altersgruppen/

Statista (2021, 30. März). Pressemitteilung Nr. N 022 Psychotherapeut:innen in Deutschland. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/03/PD21_N022_23.html.

Thünker, J., & Berwanger, S. (2021). VPP Schwerpunktthemen 2021. VPP-Aktuell, März 2021.